Vielleicht war ich nie zu schwach – ich hab es nur geglaubt
Lange Zeit habe ich geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmt. In dieser Folge spreche ich über Sensibilität, Wahrnehmung und den Glaubenssatz, zu schwach zu sein.
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Lange Zeit hab ich geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Zu viel Lärm und zu viele Menschen haben mich schnell gestresst. In einem Raum mit vielen Menschen konnte ich mich oft nicht auf ein Gespräch konzentrieren. Ich glaubte, ich bin zu schwach. Zu sensibel. Und ich habe vieles in meinem Leben genau durch diese negative Brille gesehen.
Aber je ehrlicher und länger ich hingeschaut habe, desto mehr hab ich verstanden, dass etwas ganz anderes dahinter steckt.
Ich habe lange den Glaubenssatz mit mir herumgetragen, dass meine Gefühle ein Problem sind. Dass ich »zu viel« für andere bin. Und dass ich anders bin als die anderen.
Ich habe Stimmungen gespürt, noch bevor jemand etwas gesagt hat. Ich habe Dinge wahrgenommen, die für andere gar nicht da waren. Geräusche habe ich viel intensiver wahrgenommen. Damals dachte ich: Ich bin einfach nicht richtig. Vielleicht kennst du das auch. Dieses Gefühl, dass du irgendwie anders bist, aber nicht genau weißt, warum.
Heute kann ich sagen: Ich nehme einfach sehr viel wahr. Mehr als ich damals einordnen konnte. Mehr als ich damals tragen konnte.
Mir ist auch eines klar geworden: Vom unproblematischen zum bedenklichen Alkoholkonsum ist es ein sanfter Übergang. Einer, der sich über viele Jahre entwickelt. Ich dachte lange, es gehört einfach zu meinem Leben. Aber wirklich zu mir gefunden habe ich erst, als ich aufgehört habe zu trinken.
Ich war nicht zu schwach. Ich habe mich nur nicht gekannt. Es geht nicht darum, hart zu werden. Sondern stärker, ehrlicher und offener für dich selbst.
Da fällt mir ein Satz von Hermann Hesse ein: »Wer sich selbst finden will, darf andere nicht nach dem Weg fragen.«
Und genau so hat es sich für mich angefühlt: Ich stehe vor der Brücke über einen Fluss. Hinter mir mein altes Leben. Vor mir ein neues Leben, das ich noch nicht kannte. Und ich spürte eines ganz klar: Ich will diesen neuen Weg gehen, auch wenn ich nicht wusste, wohin er mich führt.
In dem Moment, in dem ich aufhörte, gegen mich selbst zu kämpfen, in dem Moment, in dem ich mir wieder ehrlich in die Augen geschaut habe, habe ich verstanden: Meine Gefühle sind kein Problem. Sie sind ein wichtiger Kompass für mich.
Ein neues Leben beginnt genau in dem Moment, in dem du dich selbst wirklich verstehen willst.
Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.