Staffel 1  ·  Folge 06  ·  22. April 2026

Ich habe meine Verlustangst überwunden

Lange Zeit wusste ich nicht, warum meine Beziehungen immer wieder gescheitert sind. Heute weiß ich es: Es war die Angst, jemanden zu verlieren.

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Es gibt eine Angst, die ich zwar gespürt, für die ich aber lange Zeit kein Wort gefunden habe. Sie war einfach da. Tief in mir verankert. In jeder Beziehung. In jeder Annäherung. In jedem Moment, in dem mir jemand wichtig wurde. Diese Angst hat mich fast wahnsinnig gemacht.

Heute weiß ich, wie sie heißt: Es ist die Verlustangst. Und ich weiß jetzt auch endlich, woher sie kommt.

Mit drei Jahren trennt sich meine Mutter und ich verliere dadurch meinen Vater. Kurz darauf geht meine Schwester zu unserer Oma und kommt lange Zeit nicht wieder. Es ist gefühlt wie eine Ewigkeit. Ich bin tief traurig und weine den ganzen Tag. Meine Mutter ist körperlich da – aber emotional weit weg und überfordert mit meiner Feinfühligkeit.

Als kleiner Junge lerne ich in dieser Zeit einen Satz, den ich nie laut gedacht habe, aber tief in mir gespürt habe: »Wer mir wichtig ist, geht irgendwann.«

Dieser eine Satz hat mein ganzes Leben geprägt. Er hat dazu geführt: Dass ich Nähe gesucht habe und sie gleichzeitig weggeschoben habe. Dass ich geliebt habe und instinktiv auf Abstand geblieben bin. Dass ich gegangen bin, bevor man mich verlassen konnte.

Ich habe das lange Zeit nicht verstanden, es war für mich quasi normal. Ich habe nur immer wieder die Ergebnisse gesehen: Beziehungen, die gescheitert sind. Frauen, die gegangen sind. Einsamkeit, die geblieben ist. Und ich habe viel getrunken, um das alles nicht fühlen zu müssen.

Irgendwann habe ich aufgehört wegzuschauen, weil ich keine Kraft mehr hatte, weiter wegzulaufen, und ich endlich zu mir kommen wollte, um eine harmonische Beziehung führen zu können.

Ich habe mir diese Angst angeschaut. Ohne Ablenkung. Ohne Betäubung. Und ich habe verstanden: Diese Angst ist nicht mein Charakter. Sie ist eine Wunde aus meiner Kindheit. Und Wunden können heilen.

Das braucht keine perfekten Umstände. Es braucht nur einen Moment der Ehrlichkeit – mit dir selbst. Den Mut, hinzuschauen. Und die Bereitschaft, dir selbst die Frage zu stellen: Wovor laufe ich eigentlich weg?

Verlustangst verschwindet nicht von alleine. Aber sie verliert ihre Macht, wenn du aufhörst, vor ihr wegzulaufen.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Diese innere Unruhe, wenn jemand zu nah kommt. Diesen Impuls, dich zurückzuziehen – genau dann, wenn eigentlich alles gut wäre.

Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.

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