Staffel 1  ·  Folge 09  ·  April 2026

Ich habe geliebt – und mich dabei selbst verloren

Es war eine große Liebe. Und trotzdem – oder genau deshalb – habe ich mich darin verloren.

Folge erscheint bald · April 2026

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Es gibt eine Liebe, die ich nie vergessen werde. Nicht weil sie perfekt war. Sondern weil sie mir gezeigt hat, wie weit ich noch von mir selbst entfernt war.

Es ist Ende 2019 und ich fühle bereits: Das ist nicht mein Leben, was ich hier führe. 2-3 Tage in der Woche treffe ich mich mit Freunden, wenn die Eintracht spielt – entweder in der Kneipe oder im Stadion. Dieser ständige Fußball wird mir zu viel und dazu kommt, dass ich jedes Mal betrunken nach Hause komme. Samstags geht's dann noch zum Wochenmarkt und wieder bin ich betrunken. Ich fühle mich schon länger einsam in meinem Leben und kompensiere das Gefühl mit noch mehr Alkohol und Netflix.

An einem Sonntagabend gehe ich wieder willens in meine Stammkneipe. Kurz vor der Halbzeit kommt eine Frau rein, die mir schon früher aufgefallen war. Es ist Doro.

Wir waren gut sechs Monate zusammen. Und in diesen sechs Monaten habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder wirklich geliebt und hatte eine Familie. Sie hat mich jeden Tag angerufen. Wollte bei mir sein. Hat mir gezeigt, dass ich ihr wichtig bin und sie mich liebt.

Die ersten zwei Monate verlaufen wie im Traum. Danach kommt der Absturz mit Verlustangst und einer Depression. Wir trinken beide zu viel und geraten im Suff immer wieder aneinander.

Es geschieht an ihrem Geburtstag und dem ersten Lockdown während Covid. Doro zieht sich zurück in ihren Garten, will keine Nähe, keine Berührung, keinen Kuss. In diesem Moment war ich ohnmächtig. Nicht wütend. Nicht traurig. Ohnmächtig.

Ich versuche es zu verstehen und zu akzeptieren. Es gelingt mir aber nicht. Und weißt du, was ich in dieser Zeit gedacht habe? Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Ich werde nicht mehr in die tägliche Planung einbezogen.

Nicht weil sie mir das Gefühl gegeben hat. Aber der Unterschied ist so krass, dass es mir jeden Tag mein Herz zerreißt. Ich kann einfach nicht glauben, dass die liebevolle Doro sich so weit von mir distanziert.

Sie will bei mir sein. Einfach so. Weil ich es wert bin. Aber ohne Nähe – das konnte ich damals nicht annehmen. Ohne Zugang zu mir selbst. Ohne die Fähigkeit zu sagen: Das akzeptiere ich nicht. Das ist nicht gut für mich.

Ich war schlicht nicht in der Lage, mich abzugrenzen. Stattdessen habe ich mich verkrampft, habe festgehalten und funktioniert – aber nur nach außen. Und ich hab mich innerlich immer weiter verloren.

Doro hat mich bis zum Schluss geliebt. Das weiß ich heute. Aber ich war nicht stark genug, um ihren Raum zu halten. Nicht weil ich sie nicht geliebt habe. Sondern weil ich mich selbst nicht genug geliebt habe. Nach außen habe ich mich stark gegeben, aber innerlich wurde ich immer kleiner. Auch weil ich mich jeden Abend nachdem wir uns getroffen haben, betrunken habe und mir die Klarheit fehlte.

Liebe braucht zwei Menschen, die bei sich sind. Ich war bei ihr. Aber nicht bei mir. Und das ist der Unterschied, der alles verändert.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um Doro zu erklären oder zu bewerten. Ich erzähle sie, weil ich weiß, dass viele von euch dieses Gefühl kennen. Dieses Verkrampfen. Dieses Festhalten. Dieses Gefühl, dass die Liebe da ist – und man trotzdem nicht weiß, wie man sie halten soll.

Das liegt nicht daran, dass ihr nicht liebenswert seid. Es liegt daran, dass man sich selbst kennen muss, bevor man sich und andere wirklich lieben kann. Ich habe das damals nicht gewusst. Zum Glück weiß ich es heute.

Verantwortung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dir.

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